Überblick
A1. Was das Lukasevangelium ist
Lukas zeichnet sich aus durch einen förmlichen literarischen Prolog (1,1–4) in geschliffenem Griechisch, durch die umfangreichste Geburtserzählung aller Evangelien (Kapitel 1–2) und durch vier Lobgesänge — das Magnificat (1,46–55), das Benedictus (1,68–79), die Gloria (2,14) und das Nunc Dimittis (2,29–32). Es trägt wiederkehrende Schwerpunkte auf den Armen und Außenstehenden, auf Frauen, auf dem Gebet, auf dem Heiligen Geist und auf der Tischgemeinschaft. Material, das nur in Lukas steht, umfasst die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter (10,25–37) und vom verlorenen Sohn (15,11–32).
Quelle: Fitzmyer, The Gospel According to Luke (Anchor Bible, 1981–1985), I.3–34; Bovon, Luke (Hermeneia, 2002–2013), I.1–9.
A3. Erzählerischer Rahmen
Prolog und Geburt (1,1–2,52): Die förmliche Widmung an Theophilus (1,1–4); die ineinander verflochtenen Ankündigungen und Geburten von Johannes (Yochanan) und Jesus (Yeshua); die Lobgesänge; die Darstellung im Tempel und der Knabe Jesus unter den Lehrern.
Vorbereitung (3,1–4,13): Der Dienst Johannes' (Yochanan) des Eintauchers, datiert nach römischen und judäischen Herrschern (3,1–2), die Eintauchung Jesus' (Yeshua) (3,21–22), die Genealogie, zurückgeführt auf Adam und auf Gott (3,23–38), und die Versuchung in der Wüste (4,1–13).
Galiläischer Dienst (4,14–9,50): Lehre, Heilung und die Berufung von Jüngern, beginnend mit der programmatischen Lesung in Nazaret (Natzeret) (4,16–30).
Weg nach Jerusalem (Yerushalayim) (9,51–19,27): Ein langer Reiseabschnitt, eigentümlich für Lukas, der viel von seinem einzigartigen Gleichnismaterial enthält.
Jerusalem, Passion und Auferstehung (19,28–24,53): Einzug in die Stadt, Tempellehre, das letzte Mahl, Verhaftung, Prozess, Kreuzigung, das leere Grab und Auferstehungserscheinungen, die mit der Himmelfahrt enden.
Quelle: Fitzmyer, Luke (AB), I.134–142; Bovon, Luke (Hermeneia), I.2–9.
A2. Stellung unter den synoptischen Evangelien
Quelle: Fitzmyer, Luke (AB), I.63–106; Bovon, Luke (Hermeneia), I.1–9.
Autorschaft und Komposition
B1. Was der Text selbst sagt
B2. Traditionelle Zuschreibung
Quelle: Fitzmyer, Luke (AB), I.35–53; Bovon, Luke (Hermeneia), I.8–9.
B3. Moderne Einschätzung
Quelle: Fitzmyer, Luke (AB), I.35–53; Bovon, Luke (Hermeneia), I.8–9; Marshall, The Gospel of Luke (NIGTC, 1978), 33–35.
Datierung
C1. Datierung der Abfassung
• Abhängigkeit von Markus: Nach dem vorherrschenden Modell verwendet Lukas Markus, allgemein auf ca. 65–70 n. Chr. datiert, was ein späteres Datum für Lukas erfordert.
• Nach-70-Hinweise: Die Form der Vorhersage über Jerusalem (z. B. 19,43–44; 21,20, „Jerusalem von Heeren umzingelt") wird oft als Widerspiegelung der Kenntnis vom Fall der Stadt im Jahr 70 n. Chr. gelesen, obwohl dies umstritten ist.
• Die „vielen" des Prologs: 1,1 setzt frühere schriftliche Berichte voraus, die bereits in Umlauf waren, was einen gewissen Abstand zu den Gründungsereignissen impliziert.
Eine Minderheit argumentiert für ein früheres Datum (die 60er Jahre), teils mit der Begründung, dass die Apostelgeschichte mit Paulus noch lebend in Rom endet und weder seinen Tod noch den Fall Jerusalems erzählt; andere setzen Lukas–Apostelgeschichte weit in das frühe zweite Jahrhundert. Die TT bezieht keine Position; das Datum berührt die Übersetzung nicht.
Quelle: Fitzmyer, Luke (AB), I.53–57; Bovon, Luke (Hermeneia), I.8–9.
Historischer Kontext
D3. Eigentümliche lukanische Schwerpunkte
D1. Ein griechischsprachiges, heideneinbeziehendes Publikum
• Griechisches literarisches Register: Der Prolog (1,1–4) ist ein einziger periodischer Satz nach Art der hellenistischen Geschichtsschreibung, gerichtet an einen namentlich genannten Gönner, den „hochedlen Theophilus".
• Universaler Horizont: Die Genealogie reicht nicht bloß bis auf Abraham (Avraham) zurück (wie in Matthäus), sondern bis auf Adam und auf Gott (3,38), und der Lobgesang Simeons nennt Jesus (Yeshua) „ein Licht zur Offenbarung für die Völker" (2,32) — was die Geschichte für alle Völker rahmt.
• Römischer Datierungsrahmen: Die Ereignisse werden durch Bezug auf römische und provinzielle Herrscher verankert (2,1–2; 3,1–2), was die Erzählung im weiteren Reich verortet statt allein in Israel.
Zugleich ist die Geburtserzählung von der Septuaginta und von Tempelfrömmigkeit durchtränkt, und die Lobgesänge widerhallen durchgehend die Hebräische Schrift — das Publikum ist also heideneinbeziehend, nicht heidenexklusiv. Die TT verzeichnet dies als Hintergrund und lässt es keine Wiedergabe prägen.
D2. Wer war Theophilus?
Manuskriptüberlieferung
E1. Wie der Text zu uns kam
• Abfassung (ca. 80–90 n. Chr.)
• Frühe Abschriften (2.–3. Jahrhundert u.Z.): - P4 (spätes 2. / 3. Jh.) — Teile von Lukas 1–6 - P75 (Bodmer XIV–XV, ca. 175–225 u.Z.) — große Teile von Lukas und Johannes; ein außerordentlich wichtiger früher Zeuge - P45 (3. Jh.) — Teile aller vier Evangelien + Apostelgeschichte
• Große Kodizes (4.–5. Jahrhundert u.Z.): - Codex Sinaiticus (א, 4. Jh.) - Codex Vaticanus (B, 4. Jh.) - Codex Alexandrinus (A, 5. Jh.) - Codex Bezae (D, 5. Jh.) — wichtiger Zeuge für den „westlichen" Texttyp
• Byzantinische Tradition (5.–15. Jh.)
• Druckausgaben: Erasmus (1516); Textus-Receptus-Tradition; kritische Ausgaben NA28 (Nestle-Aland 28. Auflage — die kritische Standardausgabe des griechischen Textes) / UBS5.
E2. Bemerkenswerte Varianten innerhalb der Kapitel 1–3
• 1,46 — „Maria sprach" (das Magnificat) wird von einigen altlateinischen Zeugen als „Elisabet sprach" gelesen. Das überwältigende Handschriftenzeugnis liest „Maria"; die Minderheitslesart wird vermerkt, nicht übernommen.
• 2,14 — „Friede unter den Menschen des Wohlgefallens / an denen er Wohlgefallen hat" (eudokias, Genitiv: א, A, B, D, W — die frühere Lesart) gegenüber „Friede, Wohlgefallen gegenüber den Menschen" (eudokia, Nominativ: byzantinisch). Der Genitiv ist der kritische Text; der Unterschied dreht sich um einen einzigen Endbuchstaben.
• 3,22 — bei der Eintauchung liest die göttliche Stimme „Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen" (NA28). Codex Bezae und mehrere Kirchenväter lesen stattdessen „Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt" (Zitat Psalm 2,7) — die lectio difficilior, im Kapitelapparat vermerkt.
E3. Vergleichendes Überlieferungsintervall
Quelle: Metzger, A Textual Commentary on the Greek New Testament (2. Aufl., 1994), 109–135; Arrian, Anabasis Alexandrou, Vorrede; vgl. Bosworth, A Historical Commentary on Arrian's History of Alexander, OUP, Bde. I (1980) + II (1995); Tacitus, Annalen; vgl. Goodyear, The Annals of Tacitus, Cambridge, Bde. I (1972) + II (1981).
Lukas in der TT lesen
F1. Der Prolog und der „geordnete Bericht"
F2. TT-transliterierte Namen in Lukas
| Traditionell DE | TT-Wiedergabe | Original |
|---|---|---|
| Jesus | Yeshua (Jesus) | Ἰησοῦς (Iēsous) ← Hebräisch/Aramäisch יֵשׁוּעַ (Yeshua) |
| Maria (Mutter) | Miryam (Maria) | Μαρία/Μαριάμ (Maria/Mariam) ← Hebräisch מִרְיָם (Miryam) |
| Johannes (der Täufer) | Yochanan (Johannes) der Eintaucher | Ἰωάννης (Iōannēs) ← Hebräisch יוֹחָנָן (Yochanan); βαπτιστής = „Eintaucher" |
| Zacharias | Zekharyah (Zacharias) | Ζαχαρίας (Zacharias) ← Hebräisch זְכַרְיָה (Zekharyah) |
| Elisabet | Elisheva (Elisabet) | Ἐλισάβετ (Elisabet) ← Hebräisch אֱלִישֶׁבַע (Elisheva) |
| Gabriel | Gavriel (Gabriel) | Γαβριήλ (Gabriēl) ← Hebräisch גַּבְרִיאֵל (Gavriel) |
| Josef | Yosef (Josef) | Ἰωσήφ (Iōsēph) ← Hebräisch יוֹסֵף (Yosef) |
| Simeon | Shimon (Simeon) | Συμεών (Symeōn) ← Hebräisch שִׁמְעוֹן (Shimon) |
| Hanna | Hannah (Hanna) | Ἅννα (Hanna) ← Hebräisch חַנָּה (Hannah) |
| David | David | Δαυίδ (Dauid) ← Hebräisch דָּוִד (David) |
| Abraham | Avraham (Abraham) | Ἀβραάμ (Abraam) ← Hebräisch אַבְרָהָם (Avraham) |
| Adam | Adam | Ἀδάμ (Adam) ← Hebräisch אָדָם (Adam) |
| Nazaret | Natzeret (Nazaret) | Ναζαρέθ (Nazareth) |
| Galiläa | Galil (Galiläa) | Γαλιλαία (Galilaia) |
| Jerusalem | Yerushalayim (Jerusalem) | Ἱερουσαλήμ / Ἱεροσόλυμα ← Hebräisch יְרוּשָׁלַיִם (Yerushalayim) |
| Jordan | Yarden (Jordan) | Ἰορδάνης (Iordanēs) ← Hebräisch יַרְדֵּן (Yarden) |
F3. Die Lobgesänge
F4. Direkte göttliche Rede (Regel 30)
F5. Kyrios — Gottesname-Politik in Lukas
• Der Haupttext gibt kyrios als „der Herr" in Kontexten alttestamentlicher Zitate und AT-Anklänge wieder.
• Eine Anmerkung identifiziert die Quelle und stellt fest, dass das zugrundeliegende Hebräische das Tetragramm hat.
• Wenn sich kyrios auf Jesus oder einen menschlichen Herrn bezieht (kein AT-JHWH-Zitat), ist keine JHWH-Anmerkung nötig.
• Mehrdeutige Fälle — in der Geburtserzählung verbreitet, wo „der Herr" zwischen JHWH und dem Kind schweben kann — werden gemäß Regel 13 gekennzeichnet.
Dies ist besonders relevant in den Lobgesängen und der Geburtserzählung, die dicht von Septuaginta-kyrios-Sprache durchsetzt sind (z. B. 1,32.38.46; 2,9.11.23.26; 3,4 Zitat Jesaja 40,3).
F6. Aktive Regeln mit lukasspezifischen Anwendungen
| Regel | Name | Lukasspezifische Anwendung |
|---|---|---|
| (ohne Nummer) | Erste Direktive | Nicht das periodische Griechisch des Prologs (1,1–4) vereinfachen; nicht die Spannungen der Genealogie mit Matthäus oder ihren Rücklauf bis auf Gott (3,38) auflösen. |
| 1 | Kontrollierte Lexikalische Konsistenz | Begriffe des gesperrten Glossars (kyrios, sōtēr, euangelizomai, pneuma usw.) werden in allen Lukas-Kapiteln einheitlich gemäß GS-Glossar wiedergegeben. |
| 2 | Ambiguitätsbewahrung | kathexēs (1,3) und mehrdeutige kyrios-Bezüge werden bewahrt statt aufgelöst. |
| 3 | Keine importierte Theologie | Die Geburtserzählung und die Lobgesänge werden übersetzt, wie der Text sie präsentiert — ohne spätere marianische Theologie zu importieren und ohne die Erzählung abzutun. Zurückhaltung in beide Richtungen. |
| 11 | Grammatische Zusätze kennzeichnen | Für deutsche Grammatik hinzugefügte Wörter erscheinen kursiv. |
| 13 | Unsicherheitsstufen | Umstrittene Begriffe und genealogische Fragen tragen Vertrauenskennzeichnungen (Wahrscheinlich / Möglich / Unsicher). |
| 14 | Wortspiele Annotieren | Wichtige griechische Begriffe (z. B. asphaleia, eudokia) in Stufe 2 annotiert, wo das semantische Feld bedeutsam ist. |
| 22 | Textkritische Zurückhaltung | Varianten (1,46 Maria/Elisabet; 2,14 eudokias/eudokia; 3,22 „heute habe ich dich gezeugt") in Stufe 2 vermerkt, ohne stillschweigende Übernahme. |
| 25 | Politik des Göttlichen Namens — GS wendet Option C an | κύριος als „der Herr" in AT-Zitats-/Anklangskontexten wiedergegeben, mit Stufe-2-Anmerkung, die JHWH im zugrundeliegenden Hebräischen identifiziert. Siehe F5. |
| 30 | Kennzeichnung göttlicher Rede | Die Stimme Gottes (3,22) und die Rede Jesus' werden gekennzeichnet; Gavriel (Gabriel) und die Lobgesänge nicht. Siehe F4. |